Microsoft überträgt Open-Source-Aktivitäten an eigenständige Tochtergesellschaft

Seit ein paar Jahren nähert sich Microsoft behutsam dem Open-Source-Trend. Jetzt hat das Unternehmen auf diesem Weg einen weiteren Schritt getan und die Open-Source-Anstrengungen in die 100-prozentige Tochtergesellschaft “Microsoft Open Technologies Inc.” (MSOT) ausgelagert. Diese übernimmt die bisherigen Aktivitäten der Muttergesellschaft in Richtung „Interoperabilität, offene Standards und Open Source“, „eine Investition in Offenheit“, wie ihr neuer Chef Jean Paoli erläuterte. Der altgediente MS-Manager hat sein Unternehmen in diversen Standardisierungsgremien vertreten, insbesondere war er an der XML-Spezifikation beteiligt. Ihm sollen mehr als 50 Mitarbeiter zur Seite stehen, die von Microsoft zur MSOT wechseln.

Die Gründung des neuen Unternehmens hat nach einer ersten Durchsicht der einschlägigen Websites unter Open-Source-Fans, aber auch unter eher cool reagierenden Beobachtern (hier und hier) mehr für Fragen und Irritationen gesorgt, als dass sie als positives Signal aufgenommen worden wäre. Paoli betont, die Ausgründung würde es für Microsoft einfacher und schneller machen, Open-Source-Code zu veröffentlichen bzw. zu akzeptieren. Das scheint rechtlich zumindest fraglich, da eine eindeutige juristische Trennung zwischen beiden geschäftlichen Einheiten vorliegen müsste. Prompt kam es zu Spekulationen, Microsoft könne sich hinter der MSOT verstecken, falls es zu Patentangriffen auf Open-Source-Software komme.

Ohnehin ist Microsoft vermutlich die einzige Softwarefirma mit proprietärer Geschichte, die für Open-Source-Aktivitäten eine eigene Firma gegründet hat anstatt diese als strategischen Teil ins Geschäftsmodell einfliessen zu lassen. Darüber hinaus irritiert, dass MSOT kein erkennbares Business-Modell verfolgt, seine Ertragsquellen sind bisher nicht erläutert. Die Reaktionen der Community auf die MSOT-Gründung sind dann auch eher geprägt von Erinnerungen an frühere Tiraden von Microsoft-Topmanagern gegen Open Source und an Manöver zur Behinderung oder Manipulation von Standardisierungsprozessen (z.B. Open-Office-XML). Gerade die Rolle Paolis wird in diesem Kontext oft kritisch gesehen.

Noch häufiger war zu lesen, Microsoft solle mehr Taten folgen lassen, zum Beispiel in Richtung WebGL. Solche Aufforderungen entsprechen einem fundamentalen Prinzip der Open-Source-Arbeit: Nicht die Zahl der Mails oder Ankündigungen zählt, sondern die Qualität der Code-Arbeit. Das Prinzip heißt Meritokratie. Es sind noch viele Fragen zu den Intentionen und praktischen Vorhaben Microsofts offen. Das Redaktionsteam wird an dieser Stelle weiter dazu informieren.

 

Weitere Links zur Diskussion:

http://www.basicthinking.de/blog/2012/04/13/microsoft-grundet-open-source-tochter-mehr-als-nur-eine-werbeaktion/

http://www.heise.de/newsticker/meldung/Microsoft-gruendet-Tochterfirma-fuer-Open-Source-Geschaeft-1520617.html

http://www.computerwoche.de/software/software-infrastruktur/2509624/

http://www.itespresso.de/2012/04/13/microsoft-open-source-entwicklungen-nun-in-eigener-firma/

http://it-republik.de/dotnet/news/Microsoft-goes-Open-Source-062543.html

http://www.wired.com/wiredenterprise/2012/04/microsoft_technology/